Von „fremden“ Christen lernen

Die Deutsche Gesellschaft für Missionswissenschaft (DGMW) und Mission EineWelt haben die Bedeutung von Migrationsgemeinden in Deutschland untersucht.

 

Sie nennen sich oft „internationale Gemeinde“, verstehen sich als „transnationale“ Kirchen und wollen nicht durch ihre Herkunftsländer definiert werden. Diese „Gemeinden anderer Sprache und Herkunft“, wie sie im kirchlichen Amtsdeutsch heißen, werden jedoch von vielen Kirchengemeinden oft als Fremdkörper empfunden oder gar nicht wahrgenommen. Deswegen hat die DGMW diese Gemeinden in den Fokus ihrer Jahrestagung gestellt. Interesse wecken und das Potenzial der Migrationskirchen nutzen, waren Ziele der Tagung vom 5. bis 7. Oktober 2010 in Rothenburg o.d.T., die in Kooperation mit Mission EineWelt veranstaltet wurde.

 

Mit der Zahl der Migranten, Flüchtlinge und Asylbewerber, die in der Mehrheit christlichen Glaubens sind, steige auch die Präsenz der transnationalen Migrationsgemeinden, so ein Tenor der Tagung. „Bei uns gehen am Sonntag mehr afrikanische Gemeindemitglieder zum Gottesdienst als deutsche evangelische Christinnen und Christen“, wurde etwa aus einer deutschen Großstadt berichtet. Auch die Unterschiede solcher Gemeinden, die durch die Kultur ihrer Heimatländer und eine eigene Frömmigkeit geprägt sind, kamen zur Sprache: Es werde viel gesungen, getrommelt, anschaulich gepredigt, intensiv für Notleidende und Kranke gebetet. Beeinflusst seien die Gottesdienste zudem häufig von der Pfingstbewegung, die die Gemeindemitglieder aus ihrer Heimat kennen. Deshalb sind die Migrationsgemeinden in den deutschen Pfingstkirchen bislang auch stärker integriert als in der Landeskirche. Etliche schließen sich dem Bund freikirchlicher Pfingstkirchen (BFP) oder dem Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten) an.

 

Betrachtet man die Migrationsgemeinden in einem globalen Zusammenhang, werde außerdem deutlich, dass sie ein Indiz für die Veränderung der missionarischen Bewegung sind, so die Meinung der Expertinnen und Experten. Während früher aus den nördlichen Kernländern des Christentums Menschen in den nicht-christlichen Süden zogen, habe die globale Migrationsbewegung heute ihren Ursprung in den jetzigen (südlichen) Kernländern des christlichen Glaubens, erklärte einer der Referenten, Professor Jehu Hanciles aus Sierra Leone. Diese Bewegung habe auch eine missionarische Ausrichtung, betonte der Professor, der am Fuller Theological Seminary in Pasadena/USA lehrt.

 

Nur wenn die als fremd empfundenen Christen stärker in das kirchliche Leben in Deutschland eingebunden werden, sei es möglich, voneinander zu lernen, war ein Fazit der Tagung. Interkulturelle Kompetenz sei unabdingbar, um ein solches Miteinander zu gestalten, und müsse deshalb in der theologischen Ausbildung stärker vermittelt werden. Auch über Schulungsangebote für Gemeindeleiter und -leiterinnen von Migrationsgemeinden sei eine tiefere Vernetzung und Kooperation möglich. Im pfingstkirchlichen Bereich gibt es hier bereits viele Möglichkeiten. Für die bayerische evangelische Landeskirche beispielsweise bietet das Centrum Mission EineWelt ein eigenes Fortbildungsprogramm unter dem Namen „Mission Süd-Nord“ an.

 

Die bereits 1918 gegründete DGMW ist ein Zusammenschluss von evangelischen und katholischen Theologinnen und Theologen, die sich besonders mit Fragen der Missionswissenschaft, ökumenischer Theologie sowie mit der Zusammenarbeit und dem Dialog mit anderen Religionen und Kulturen beschäftigen, und sich für diese Belange in Kirche und Wissenschaft einsetzen. Die Gesellschaft hat fast 300 Mitglieder in Deutschland und weltweit. Vorsitzender ist Prof. Dr. Dieter Becker, Lehrstuhlinhaber für Missionstheologie und Religionswissenschaft (Interkulturelle Theologie) an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau.

 

 

Daniela Obermeyer
Eingestellt am 11.10.2010


Pressestelle  Mission EineWelt  Tel. 09874 9-1030   presse(at)mission-einewelt.de