Adriana Castillo, die Leiterin der Frauenarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Chile, und Lateinamerikareferent Hans Zeller von Mission EineWelt beim Südamerikatag der bayerischen Landeskirche in Erlangen. © Mission EineWelt/Jentsch
Adriana Castillo, die Leiterin der Frauenarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Chile, und Lateinamerikareferent Hans Zeller von Mission EineWelt beim Südamerikatag der bayerischen Landeskirche in Erlangen. © Mission EineWelt/Jentsch
Wenn sie vor ihren gewalttätigen Ehemännern fliehen, sind Frauen auf sich gestellt - Frauenhäuser der evangelisch-lutherischen Kirche bieten ihnen Zuflucht. Diese junge Frau ist mit ihrem ganzen Hab und Gut unterwegs. © Mission EineWelt
Wenn sie vor ihren gewalttätigen Ehemännern fliehen, sind Frauen auf sich gestellt - Frauenhäuser der evangelisch-lutherischen Kirche bieten ihnen Zuflucht. Diese junge Frau ist mit ihrem ganzen Hab und Gut unterwegs. © Mission EineWelt

„Frauen gehen oft durch die Hölle“

Südamerikatag rückt Chiles Frauen in den Blick.

 

Am 4. März feiern Frauen weltweit den Weltgebetstag, der in diesem Jahr Chile in den Mittelpunkt rückt. Auch in Erlangen beim Südamerikatag der bayerischen Landeskirche - veranstaltet von Mission EineWelt, der Erlanger Evangelischen Studierendengemeinde und dem CVJM - drehte sich mit Adriana Castillo, der Leiterin der Frauenarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Chile, alles um das Thema Frauen.

 

Die Mutter dreier erwachsener Kinder weiß, wovon sie spricht. Immerhin arbeitet sie seit sieben Jahren mit Frauen, insbesondere wenn es um Missbrauch von Minderjährigen oder Gewalt in Partnerschaften geht. „Es ist bei uns gewissermaßen ein Naturgesetz, dass Frauen für Haus und Hof zuständig sind“, sagt sie. Von frühester Kindheit an würden Mädchen auf ihre Hausfrauen- und Mutterrolle vorbereitet, während Jungen später die Familie ernähren sollen. Selbst an berufstätigen Frauen bleibe der Haushalt und die Kindererziehung hängen. „Wenn dagegen der Mann abends nach Hause kommt, surft er im Internet oder sieht fern.“

 

Durch das in Chile ausgeprägte Machotum müssten Frauen ihren Männern ohne Wenn und Aber gehorchen. „Unsere Frauen werden unterdrückt, schlimmer noch, sie müssen vielfach Gewalt erleiden“, beklagt Adriana Castillo. Freilich traue sich kaum eine Ehefrau über Schläge, blaue Flecken und psychische Gewalt zu sprechen. Und wenn, dann höchstens im geschützten Umfeld von kirchlichen oder staatlichen Beratungsstellen.

 

Mehr als jede dritte Chilenin, erzählt Adriana Castillo, hat häusliche oder sexuelle Gewalt erfahren müssen: von Frauen im Armenviertel bis hin zu Gattinnen von Generälen oder Prominenten. Bis sie allerdings Anzeige erstatteten, dauere es im Durchschnitt etwa sieben Jahre. „Die Frauen gehen oft sprichwörtlich durch die Hölle, aber sexuelle Gewalt ist gesellschaftlich tabu.“

 

Das Gewaltpotenzial geht so weit, dass Frauen auch ermordet werden. Aufgrund alarmierender Zahlen - allein 58 Opfer im letzten Jahr - wurde vor zwei Monaten ein Gesetz verabschiedet, dass bereits unter der vorigen Präsidentin Michelle Bachelet auf den Weg gebracht worden war. Es sieht für diese Frauenmorde Höchststrafen von bis zu 20 Jahren Gefängnis vor.

 

Um betroffenen Frauen einen Zufluchtsort zu geben, hat die Evangelisch-Lutherische Kirche in Chile zwei Frauenhäuser in der Hauptstadt Santiago eingerichtet. Dort finden Frauen mit ihren Kindern zu jeder Tages- und Nachtzeit eine offene Tür. Die Gebäude sind unauffällig, kein Schild weist den Weg. Männer dürfen sich allerdings nicht nähern, um die Betroffenen vor möglichen Racheakten zu schützen. Selbst Mädchen von 12 Jahren mit ihren unehelichen Kindern habe sie dort gesehen, erzählt eine Teilnehmerin, die im Herbst auf einer kirchlichen Frauenreise Chile besuchte. Von den Familien verstoßen, sei ein Frauenhaus oft der einzige Ort, um nicht auf der Straße leben zu müssen.

 

Wird es in naher Zukunft ein gleichberechtigtes Miteinander von Frauen und Männern geben? Adriana Castillo ist skeptisch, weil die Regierung unter dem neuen Präsidenten Piñera Frauen eher am Herd denn als ebenbürtige Partnerinnen sieht. So sei die Frauenförderung drastisch gekürzt und 30 Prozent der staatlichen Mitarbeiter im früheren Frauenministerium oder in Beratungsstellen entlassen worden. Natürlich versuche die Regierung, sagt Adriana Castillo, mit ein paar Vorzeigeprojekten in der Öffentlichkeit Pluspunkte zu sammeln. Dies seien aber Hauswirtschaftslehrgänge und ähnliches, die eher eine Kehrtwende in der Frauenpolitik erkennen ließen.

 

Hoffnungsvoll stimmt die Kirchenarbeiterin, dass sich Frauen aus Kirchen, sozialen Organisationen und dem öffentlichen Leben mittlerweile in einem breiten Bündnis zusammengeschlossen haben. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, gehen sie selbst auf die Straße: jedes Jahr am 25. November, dem „Tag zur Abschaffung von Gewalt“.

 

Hinweis:

Wenn auch Sie den Frauen in Chile helfen wollen, die nur noch in den kirchlichen Frauenhäusern eine Zuflucht finden, spenden Sie für unser aktuelles Projekt hier.

 

Annekathrin Jentsch

Eingestellt am 7. Februar 2011