Dr. Sigurd Kaiser arbeitet als einziger westlicher Langzeit-Dozent im Bereich „Protestantische Theologie“ in China. Foto: MEW
Dr. Sigurd Kaiser arbeitet als einziger westlicher Langzeit-Dozent im Bereich „Protestantische Theologie“ in China. Foto: MEW

„Protestantismus in China ist ‚en vogue’“

Der Theologie-Dozent Sigurd Kaiser gab Einblicke in die Religionsentwicklung in China.

 

Die protestantische Kirche in China wächst extrem schnell und erfreut sich eines immer besseren Verhältnisses zur Regierung. Diese Einschätzung lieferte Dr. Sigurd Kaiser, der seit vier Jahren für Mission EineWelt am Union Theological Seminary in Nanjing unterrichtet, bei einem Vortrag in Neuendettelsau.

 

Immer mehr Menschen in China würden sich taufen lassen, in den protestantischen Gemeinden gebe es ein jährliches Wachstum von etwa 10 Prozent, so Sigurd Kaiser. Er habe selbst erlebt, dass in einem Jahr nur die ersten drei Kirchbankreihen belegt waren und im Jahr darauf die gesamte Kirche. Mit einigen Zahlen verdeutlichte er das Wachstum, ausgehend vom Beginn der protestantischen Missionsbewegung Anfang des 19. Jahrhunderts: Bis zur Machtübernahme der Kommunisten und der damit verbundenen Ausweisung aller westlichen Missionare in den 1950er Jahren hätte es rund 700.000 Protestanten in China gegeben. Nach der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 habe sich trotz der staatlichen Repressionen die Zahl auf 1,5 Millionen verdoppelt. Zehn Jahre später seien es fast zehn Millionen gewesen. Heute gehe man von ungefähr 30 Millionen Protestanten in offiziell registrierten Gemeinden und noch einmal 60 Millionen in Haus- und nicht-registrierten Gemeinden aus.

 

Woher kommt nun dieser Boom des protestantischen Christentums? Vor allem bei jungen Leuten sei die Religion attraktiv, weil sie in ihren Augen zum „Westen“ gehört. Und was von dort kommt, sei gerade „en vogue“, wie es Sigurd Kaiser ausdrückte. Zum Wachstum trägt auch bei, dass das chinesische Christentum sehr stark vom persönlichen Zeugnis jedes Einzelnen getragen wird und in erster Linie eine Laienbewegung sei. Da es sehr wenige ausgebildete Theologen gebe, organisiere sich die Gemeindearbeit vor allem durch die Laien, die dadurch wiederum ihre Glaubenserfahrungen weitergeben würden. Auf dem Land übernähmen das die zahlreichen Wanderprediger.

 

Das Verhältnis zum Staat habe sich nach der Öffnung der Religionspolitik in den 80er Jahren verbessert, führte Sigurd Kaiser weiter aus. 2007 habe sich sogar eine regelrechte Trendwende vollzogen, als die staatliche Religionsbehörde die Kirche offiziell darum gebeten hat, karitative Arbeit zu leisten. Das sei vorher nur im Verborgenen möglich gewesen, da der Kirche eigentlich nach wie vor jede Form der Missionierung außerhalb der Kirchenmauern untersagt ist.

 

Trotz aller positiver Entwicklungen – die Situation der Kirche sei nach wie vor schwierig, betonte der Theologe. Wer sich öffentlich zum Christentum bekennt, habe kaum noch Chancen auf wirtschaftlichen oder politischen Aufstieg. Und viele Gemeinden, vor allem auf dem Land, seien dem Gutdünken der politischen Kader vor Ort ausgeliefert, die sich nicht um die Religionsgesetze kümmern. Außerdem mangele es an qualifizierten Theologen und Pädagogen, die die Kirchenmitarbeitenden schulen und sich um die wachsende Zahl der neuen Christen kümmern.

 

Daniela Obermeyer

Eingestellt am 24. Februar 2011