Deutsch-chinesische Tagung bei Mission EineWelt
Deutsch-chinesische Tagung bei Mission EineWelt:
(v.l.) Thomas Qu, Dr. Monika Gänßbauer,Michaela Wai Man Ho, EKD-Oberkirchenrat Paul Oppenheim
(v.l.) Thomas Qu, Dr. Monika Gänßbauer,Michaela Wai Man Ho, EKD-Oberkirchenrat Paul Oppenheim

„Wir haben doch auch etwas zu erzählen!“

Chinesische Gemeinden in Deutschland - Kooperationstagung bei Mission EineWelt

 

 

(9. März 2009) Sie sind Gastronomen, Geschäftsleute, Studierende und Wissenschaftler - rund eine Dreiviertelmillion Chinesen lebt in Deutschland. Gerade die Studentenzahlen sind in den letzten Jahren in die Höhe geschnellt. Doch wer zum Studium kommt, sucht Anschluss und findet ihn am ehesten in eigenen chinesisch-christlichen Gemeinden. Elf dieser Gemeinden und über 60 Bibelkreise sind dem „Freundeskreis für Mission unter Chinesen in Deutschland“ bekannt. Der FMCD, wie er kurz genannt wird, versteht sich als Plattform für verschiedene Kirchen, Missionen und Gemeinden in der Arbeit mit Chinesen. Eine Leihbücherei mit chinesischen Publikationen in Hannover macht den Freundeskreis oft zur ersten Anlaufstelle chinesischer Studenten.

 

 

Michaela Wai Man Ho

„Viele junge Chinesen sind vereinsamt“, warnte Michaela Wai Man Ho vom FMCD bei einer chinesisch-deutschen Tagung von Mission EineWelt in Neuendettelsau. Sie bezeichnete es als Riesenchance für die Kirchen, weil die Studenten im Land Luthers auch vom Christentum lernen wollten.

 

 

Die chinesischen Gemeinden sind oft doppelt im Hintertreffen: Einerseits ist es schon schwer genug, deutsche Gemeinden zu finden, die ihre Kirche und Gemeinderäume für fremdsprachige Gruppen zur Verfügung stellen. Andererseits haben jene, die ihre Türen geöffnet haben, meist schon afrikanische Gemeinden zu Gast. Oftmals würden auch überhöhte Mietsummen verlangt, die die kleinen chinesischen Gemeinden nicht aufbringen können, ärgerte sich Dr. Monika Gänßbauer von der China InfoStelle Hamburg.

 

 

Insgesamt scheint sowohl auf deutscher wie auch auf chinesischer Seite eine größere Offenheit nötig. In Heidelberg etwa beklagt Thomas Qu die fehlenden Beziehungen zwischen der deutschen und seiner chinesischen Gemeinde. Viele Einladungen seien schon an die deutsche Seite gegangen, ohne dass jemand je zu Besuch kam oder gar eine Gegeneinladung ausgesprochen hätte. „Wir haben doch auch etwas zu erzählen“, sagte Qu, der an der Universität seine Promotion in Theologie schreibt.

 

Dr. Gotthard Oblau

In Essen dagegen bemüht sich Dr. Gotthard Oblau, der selbst jahrlang in China war, bislang vergebens, mit der chinesischen Gemeinde in Kontakt zu kommen. „Die hat sich einfach geziert“, erzählte der Gemeindepfarrer und evangelische Vorsitzende des Ökumenischen Chinaarbeitskreises.

 

Eine schöne chinesisch-deutsche Zusammenarbeit hat sich derweil in München ergeben. Die Gemeinde nutzt seit zehn Jahren die Räume der Münchner Kapernaumkirche am Lerchenauer See. Jeden Sonntagnachmittag feiern dort rund 30 Chinesen ihren Gottesdienst. Einmal im Monat auch auf Deutsch - der chinesisch-deutschen Ehen wegen. Die eigene chinesische Pfarrerin wird finanziell sogar durch die evangelische Landeskirche unterstützt. Interessant dabei: Wai Ching Mühlhaus ist mit einem deutschen Theologen verheiratet, der lange Jahre über Mission EineWelt am theologischen Seminar in Hongkong gelehrt hat.

  

Lijun Huang

Auch viele Studierende gehören zur Gemeinde. Wenn Not am Mann ist, packen sie schon mal bei den Münchner Gastgebern mit an, beim Weihnachtsbaum-Aufstellen zum Beispiel. „Wenn sie Hilfe brauchen, sind wir da“, erzählt Lijun Huang lachend. Schließlich seien die deutschen Kirchenmitglieder meistens schon etwas älter.

 

 

Normalerweise haben chinesische Gemeinden keine eigenen Pfarrer und wenn, dann werden sie von evangelikalen US-amerikanischen oder Hongkong-Chinesen finanziert, die der offiziellen protestantischen Kirche Chinas, der Drei-Selbst-Bewegung, skeptisch gegenüberstehen. Dies ist auch der Grund, warum chinesische Christen in Deutschland eher unter sich bleiben. „Sie haben Bedenken wegen der liberalen Theologie der deutschen Kirchen“, sagt Mark Yu, der mit seiner Familie in Wuppertal lebt. Zugleich pflegten viele Exilchinesen noch immer ihr Chinabild aus der Zeit des Kulturkampfes, wo Religionen verboten waren und Bibeln geschmuggelt werden mussten. Das aber passe nicht mehr zur heutigen Situation in seiner Heimat, sagte Yu.

 

Die Tagung wurde gemeinsam von Mission EineWelt, Evangelischem Missionswerk in Südwestdeutschland (ems), China InfoStelle, Freundeskreis für Mission unter Chinesen in Deutschland (FMCD), Deutscher Ostasienmission (DOAM) und Berliner Missionswerk veranstaltet.    

 

 

Glaubenszeugnisse

 

Manchmal sind es wahre Bekehrungen, manchmal lange Auseinandersetzungen, manchmal auch reine Neugier, wie junge Chinesen zum christlichen Glauben kommen.

 

 

Hong Jiang aus Essen

Die junge chinesische Musikwissenschaftlerin Hong Jiang aus Essen ist durch ihre Studien europäischer Musikgeschichte und Bachs Musik zum Glauben gekommen ist.  „Ich habe täglich eine feste Stunde zum Beten“.

 

 

 

Pfarrer Mark Yu

Pfarrer Mark Yu, der mit seiner Familie in Wuppertal lebt, kam in seiner Heimat buchstäblich durch ein Kirchenlied, das er von der Straße her hörte,  in Kontakt mit einer Gemeinde.

 

 

 

Pater Josef Lan

Pater Josef Lan, der durch Wunderheilungen in seiner engsten Familie an Maria zu glauben begann, arbeitet heute als katholischer Priester am Chinazentrum St. Augustin bei Bonn.

 

 

 

 

Thomas Qu

Thomas Qu stammt aus einem polytheistischen Elternhaus. In seiner Schulzeit war der junge chinesische Theologe ein glühender Verfechter des Kommunismus. An der Universität in Peking beschäftigte er sich dann mit religiösen Fragen. Nach einem Studienaufenthalt in den USA ist ihm klar: „Ich will als chinesischer Christ ein Lehrer der Kirche werden.“ Zurzeit promoviert er in Heidelberg in Theologie.

 

 

 

 

 

Um Seelen zu kämpfen ist ein hartes Geschäft

 

Prof. em. Manfred Josuttis
Er begeisterte die Teilnehmer bei Mission EineWelt:
Prof. em. Manfred Josuttis
der bekannte Göttinger Theologe Prof. Manfred Josuttis

 

 

Beinah diametral entgegengesetzt stellt sich die deutsche kirchliche Situation dar, die bei der Tagung von dem Göttinger Theologen Manfred Josuttis vorgestellt wurde. Für viele der 52 Millionen Christen in Deutschland stehe die Kirche zur Disposition; zwei bis drei Prozent kehrten ihr alljährlich den Rücken. Die Gründe seien allerdings nicht am mangelnden Glauben festzumachen, sondern vielmehr an Tipps des Steuerberaters, Kosten zu sparen, so Jossutis, der mehr als 30 Jahre lang den Lehrstuhl für praktische Theologie innehatte.

 

Scharf wandte sich Josuttis gegen das Argument, angesichts von Überalterung und Mitgliederschwund in deutschen Gotteshäusern von den Kirchen des Südens lernen zu müssen. „Wir können uns nicht einfach die Chinesen zum Vorbild nehmen, weil wir nicht aus unserer abendländisch-philosophisch geprägten Tradition heraus kommen“, sagte der emeritierte Professor, der als einer der profiliertesten deutschen Theologen des 20. Jahrhunderts gilt. „Der Aufbruch muss aus unserer Mitte kommen.“

 

Seiner Ansicht nach konvertieren viele Christen zum Buddhismus, mystischen Formen des Islam oder auch esotherischen Richtungen, weil sie dort die spirituelle Kraft spüren, die ihnen in deutschen Kirchen fehlt. Deutschen Theologen sei nicht unbedingt die Kraft gegeben, Menschen in Herz und Gewissen anzusprechen, urteilte Josuttis. „Man darf nicht nur einladen, sondern muss um Seelen kämpfen. Das ist manchmal ein hartes Geschäft.“

 

Text: Annekathrin Jentsch

Fotos: Martin Rutkies, Jentsch (oben l.)

 


Pressestelle  Mission EineWelt  Tel. 09874 9-1030   presse(at)mission-einewelt.de