Prinzip der Selbstbegrenzung

Tutzinger Tagung diskutiert alternative Zukunftsmodelle

 

(10. März 2009) Es rumpelt in der Welt: Klimawandel, Hungerkatastrophen und nun die Finanzkrise. „Wir leben neben der finanziellen weiterhin in einer ökologischen Spekulationsblase“, so Professor Wolfgang Sachs bei der Kooperationstagung „Radikal anders“ von Mission EineWelt, die am vergangenen Wochenende in der Evangelischen Akademie Tutzing zu Ende ging. Dem Leiter des Wuppertaler Instituts zufolge werden sowohl die finanzielle als auch die ökologische Krise das 21. Jahrhundert noch weit stärker bestimmen als bisher.

 

Naturzerstörung sei auch Menschenzerstörung, kritisierte der Soziologe. Wenn etwa durch das veränderte Klima die Bauern in den südlichen Ländern nicht mehr genug auf ihren Feldern ernten und ihr Land verlassen müssen. Oder wenn infolge der Klimaerwärmung 600 Millionen Menschen in Küstengebieten aufgrund der ansteigenden Meeresspiegel ihre Heimat verlieren. „Das Klimachaos ist ein Angriff auf die Menschenrechte“, unterstrich Sachs.

 

Ein Segelboot darf nicht überladen werden, weil es sonst kentert, skizzierte Sachs ein Bild für das künftig nötige Prinzip der Selbstbegrenzung. Konkret nannte er Autos in leichterer Bauweise mit einer Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h. Diese brauchten weniger Benzin, so dass das Thema Agrotreibstoffe neu diskutiert werden könne. Auch sei die Herstellung weniger materialaufwändig und damit ressourcenschonender. „Wir brauchen eine Technologie, die die Suffizienz als Designprinzip akzeptiert.“

 

Auch der Audi-Unternehmensstratege Josef Schön machte deutlich, dass aufgrund der zunehmenden Mobilität in Ländern wie China, Indien oder Brasilien die derzeitigen Automobilstandards nicht aufrechterhalten werden können. Die extreme Rohstoffnachfrage und der zu befürchtende Schadstoffausstoß seien für die Welt nicht mehr tragbar. „Wir müssen das Ressourcenproblem in den Griff bekommen. Da muss etwas anderes her.“ Wie die Lösung aussehen könne, ließ er allerdings offen.

 

Als Systemkrise mit der Chance für einen anderen Lebensstil sieht Dr. Martin Runge, wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen im bayerischen Landtag, die Krise. Wirtschaften bedeute, haushälterisch mit knappen Gütern umzugehen. „Das Gegenteil ist der Fall. Wir leben über die Verhältnisse, auf Pump und auf Kosten der Menschen im Süden der Welt.“ Runge forderte eine radikal andere Wirtschaftsweise mit mehr Umwelt- und Klimaschutz, globaler Verteilungsgerechtigkeit und Einhaltung der Menschenrechte.

 

Gleichzeitig sprach er sich für eine stärkere Regulierung des Finanz- und Kreditsektors durch den Staat aus. Dabei verwies er auch auf die Mitschuld der Politik, die „windige Finanzprodukte“ befördert habe. So seien in Deutschland Genehmigungsverfahren ausgedünnt worden, um angeblich moderne und liberale Rahmenbedingungen einzuführen.

 

Ein völlig neues Prinzip der Marktwirtschaft stellte Christian Felber vor, österreichischer Attac-Sprecher und Publizist. Statt Vorteilsstreben und Konkurrenz solle Kooperation gefördert werden. Felber plädierte für eine humane und ökologische Marktwirtschaft, in der Unternehmen statt Gewinn zu machen, einen Beitrag zum Allgemeinwohl leisteten. Firmen, die ökologisch produzieren oder etwa den Beschäftigten mehr Mitbestimmung garantierten, müssten dafür vom Staat belohnt werden.

 

Jugendliche indes zeigen sich beim Thema Zukunft weniger interessiert. Die Mehrheit sei unpolitisch und schwelge in sozialromantischen Fantasien, bestätigten Gymnasiasten aus Tutzing und Mainz am Rande der Tagung. Ein kleiner Rest hänge entweder extremen marxistischen oder neoliberalen Positionen an. Allerdings: Leben wollen die Jugendlichen in dieser Weltordnung nicht und hegen von daher großes Misstrauen gegenüber den heutigen gesellschaftlichen Regularien. „Wir fühlen uns von keiner der parlamentarischen Parteien wirklich vertreten“, sagte Fabian Bennewitz aus Tutzing.

 

Annekathrin Jentsch, Pressereferentin


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