Beim Brasilientag: Pfr. Hans Zeller, Jose Ballivian und Pfr. Jandrey Hülle (v.r.)
Beim Brasilientag: Pfr. Hans Zeller, Jose Ballivian und Pfr. Jandrey Hülle (v.r.)

Getreide für den Schweinetrog

 

13. Brasilientag der Landeskirche in Sulzbach-Rosenberg

(30. März 2009) Nicht von ungefähr fand der 13. Brasilientag der bayerischen evangelischen Landeskirche in Sulzbach-Rosenberg statt. Das Dekanat pflegt schon seit mehr als 30 Jahren eine sehr lebendige Partnerschaft mit den Kaingang im Süden Brasiliens. Diese gehören zu einem der einheimischen Völker Brasiliens, für die sich die brasilianische lutherische Kirche (IECLB), eine Partnerkirche Bayerns, mit ihrem Programm COMIN (Rat der lateinamerikanischen Ureinwohner) einsetzt. COMIN betrachtet seine Tätigkeit in erster Linie als eine Versöhnungsarbeit für das Unrecht, dass den Ureinwohnern (Indigenen) auch von deutschen Siedlern angetan wurde. „Konflikte und Abneigung sind leider auch heute noch zu spüren“, hat Dr. Adolf Rank von der Partnerschaftsarbeit des Dekanates Sulzbach-Rosenberg beobachtet.

 

Einer, der sich als Brückenbauer zwischen Indigenen und Kleinbauern versteht, ist José Manuel Patrício Palazuelos Ballivián. Im Auftrag der IECLB arbeitet der bolivianische Agraringenieur mit beiden Gruppen, weil die Kirche laut ihrem Missionsplan sich „auch für ein würdiges Leben anderer“ in der Pflicht sieht, also auch für Randgruppen und Minderheiten.

 

Nur 0,5 Prozent der Bevölkerung Brasiliens sind indianische Ureinwohner, die aber rund ein Achtel der Fläche besitzen. Dieses scheinbare Missverhältnis weckt Begehrlichkeiten: Landkonflikte zwischen Indigenen und Kleinbauern haben sich in den letzten Jahren vervielfacht. Es passierte und passiert immer wieder, dass Bauern Land vom Staat erwerben, das sich später als Indianerland erweist. „Im Grunde sind beide Opfer einer nachlässigen Gesetzgebung“, erklärt José Ballivian. Die IECLB versuche zu vermitteln, Lösungen hat auch sie nicht parat.

 

Tatsächlich bedroht die industrielle Nahrungsproduktion Brasiliens das Leben sowohl der bäuerlichen Familienbetriebe als auch das der einheimischen Völker. Das südamerikanische Land verfügt über ein Viertel der weltweiten Anbaufläche und ist daher prädestiniert für Agrarwirtschaft. Durch die weltweite Nachfrage nach Biokraftstoffen verdrängen mehr und mehr Zuckerrohrfelder die kleinen Äcker mit Maniok, einheimischen Maissorten, Kürbissen oder schwarzen Bohnen. Aus Rohrzucker wird Ethanol gewonnen – auch früher schon von Kleinbauern – doch erst mit der Suche nach erneuerbaren Energien kam der große Schub.

 

Neben Agrotreibstoffen exportiert Brasilien Fleisch im großen Stil. Längst ist die industrielle Massentierhaltung von Rindern, Schweinen und Hühnern Realität. Dabei kann sich die Mehrheit der 190 Millionen Brasilianer kein Fleisch leisten. Von der gigantischen Exportmaschinerie profitieren nur wenige Konzerne, die das internationale Geschäft fest in ihren Händen halten.

 

Schon wird der größte Teil des angebauten Getreides verfüttert. Nur fünf Prozent des angebauten Soja etwa wird im Land konsumiert, zwischen 10 und 23 Prozent der Fläche Brasiliens aber für den Anbau genutzt. Die Fleisch- und Getreideproduktion verdrängt zunehmend die Produktion von Nahrungsmitteln. Auch die ökologischen Folgen sind fatal: Große Mengen Schweinemist vergiften die Gewässer.

 

Zugunsten immer neuer landwirtschaftlicher Flächen werden Kleinbauern und Indigene vertrieben. Die Folge ist eine Landflucht großen Ausmaßes. Immer mehr Menschen ziehen in die Städte, wo sie in der Regel nur mit staatlicher Unterstützung überleben können. Dort verlieren sie langsam aber sicher ihre eigene kulturelle Identität. Auch deshalb sieht es die Kirche als ihre Aufgabe an, den Ureinwohnern und Kleinbauern in der brasilianischen Gesellschaft eine Überlebenschance zu sichern.

 

Im kircheneigenen Programm CAPA werden etwa kleinbäuerliche Familienbetriebe beim Aufbau regionaler Vertriebsnetze unterstützt. „Regionalität ist der Schlüssel für diese Welt“, ist Agraringenieur Ballivián überzeugt. Schon fahren 20 Prozent der Busse in Sao Paolo mit Biosprit aus Rizinus, der von Kleinbauern produziert wurde.

 

Beim Brasilientag war man sich einig: Sozial und ökologisch nachhaltig ist es, wenn kleinbäuerliche Familienbetriebe gestützt werden. Dass Autos die Lebensmittel futtern, die anderen die Existenz kosten, könne nicht der richtige Weg sein.

 

 

Annekathrin Jentsch, Pressereferentin

 

 

Vortrag von José Ballivián zum Nachlesen

 

Jose Ballivian
Plenum
Jose Ballivian mit Hans Zeller
Publikum


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